Holde Nacht, dein dunkler Schleier

Anonym, 19. Jhdt.
Notenbild
1. Holde Nacht, dein dunkler Schleier decket
mein Gesicht vielleicht zum letzten Mal!
Morgen lieg ich schon dahingestrecket,
ausgelöscht aus der Lebend'gen Zahl.
5. Dort liegt schon ein Held mit Sand bedecket;
Waise ist das Mädchen und der Knab'.
Hier auch liegt ein Sohn dahingestrecket,
der den Eltern Brot im Alter gab.
2. Morgen ziehen wir für unsre Brüder
und für unser Vaterland zum Streit.
Aber ach! So mancher kommt nicht wieder,
wo sich Freund- an Freundesbusen freut.
6. Mädchen, denke nicht an süße Bande,
denk auch nicht an Freud' und Hochzeitstanz.
Denn die Liebe schlummert schon im Sande,
schwinget hoch empor den Totenkranz!
3. Mancher Säugling lieget in den Armen
seiner Mutter, fühlt nicht ihren Schmerz.
Sie schreit himmelan, ach! um Erbarmen
und drückt hoffnungslos ihn an ihr Herz.
7. Traurig, traurig, dass wir unsre Brüder
hier und dort als Krüppel wandeln sehn,
aber heil'ge Pflicht ist's dennoch wieder,
mutig seinem Feind entgegen gehn.
4. Freudig hüpft und fragt ein muntrer Knabe:
"Mutter, kommt nicht unser Vater bald?"
"Armes Kind, dein Vater liegt im Grabe,
sein Auge sieht nicht mehr der Sonne Strahl!"
8. Reißt mich gleich des Feindes Kugel nieder,
schwingt mein Geist sich freudig hoch empor.
Ach wer weiß, sehn wir uns jemals wieder?
Darum, Freunde, lebt auf ewig wohl!
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